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Mittwoch, 15. September 2010

Jung und Alt treffen sich im Baucamp in Simferopol (Ukraine)

Bericht eines älteren Freiwilligen über ein 14-tägiges europäisches Projekt

Dr. Dietmar Eisenhammer - Дитмар Айзенхаммер - ВОЛОНТЁР

Zusammen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus Deutschland, Belgien, Russland und der Ukraine war ich als Senior mit meinen 66 Jahren vom 21. August bis 5. September 2010 über den Internationalen Bauorden – IBO in Ludwigshafen (www.bauorden.de) bei meinem sechsten Freiwilligeneinsatz nach Frankreich, Italien und Deutschland - dieses Mal auf der Krim in Simferopol (Ukraine), das mit Heidelberg eine Partnerschaft hat.


Das Besondere an dem jetzigen Einsatz war, dass er im Zusammenhang mit dem Projekt „Reichlich Armut in Europa – junge Europäer denken und handeln zum Thema Armut und soziale Ausgrenzung“ von „Jugend für Europa“, der deutschen Agentur für das EU-Programm „Jugend in Aktion“, gefördert wurde. Die Teilnehmer des Baucamps diskutierten sehr intensiv die angesprochenen Aspekte. Als Hauptergebnis der Gesprächsrunden ist festzuhalten, dass es eine allgemeine Definition von Armut nicht gibt. Armut variiert von Staat zu Staat. Sie hängt von der jeweiligen Situation ab, und Armut führt nicht automatisch in die soziale Ausgrenzung. Neben diesen mehr theoretischen Erörterungen bildeten die Bau- und Renovierungsarbeiten im Alten- und Pflegeheim „Pansionat prestarelych“ im Zentrum von Simferopol den praktischen Hintergrund. In dieser Einrichtung leben Personen mit Behinderungen sowie alte und pflegebedürftige Menschen. Hier hat die soziale Ausgrenzung zwei Gesichter: einmal die Situation im Altersheim selbst und dann die Besonderheiten außerhalb der Senioreneinrichtung. Viele der Bewohner sind blind, taub und gehbehindert. Dann scheitert vieles daran, dass es z.B. in Simferopol überhaupt keine alten- und behindertengerechten Transportmöglichkeiten gibt. Alles in Allem muss ein langfristiges und mehrjähriges Programm durch die EU auf den Weg gebracht werden, um die soziale Ausgrenzung der Senioren zu vermindern. Erst dann hat die Idee „Jung trifft Alt“ eine nachhaltige Wirkung.


14 Tage lang also begegneten sich „Jung und Alt“ ganz hautnah während unserer Arbeiten auf dem Gelände des Alten- und Pflegeheimes. Dabei waren wir beschäftigt mit gärtnerischen Pflegearbeiten, wie ich z. B. mit dem Heckenschneiden, dann mit dem Malen und Streichen von Bänken, Türen und Fenstern sowie mit Renovierungen und Reparaturmaßnahmen im Innen- und Außenbereich. Wir arbeiteten 5 Tage in der Woche, jeweils vormittags 4 ½ Stunden. Dabei hatten wir herzliche Kontakte zu den Bewohnern der Einrichtung, die oftmals sogar versuchten, mit uns ein wenig Deutsch zu reden. Schade, dass ich nur ein paar Worte Russisch konnte, um diese Aufmerksamkeiten richtig zu erwidern. Ganz generell fühlte ich mich, wenn ich alleine unterwegs war, ohne die russischen Sprachkenntnisse, sehr unsicher, weil ich auch fast immer mit Englisch nicht weiter kam. Nach getaner Arbeiten erkundigten wir am Nachmittag Simferopol. Sie ist die Hauptstadt der Autonomen Republik Krim und hat rund 350.000 Einwohner. An den Wochenenden unternahmen wir vielfältige Ausflüge in die nahe und weitere Umgebung, so unter Anderem auch nach Jalta und Sebastopol. Die Transportkosten waren dabei bescheiden. So kostete eine Busfahrt innerhalb der Stadt umgerechnet rund 0,20 Euro. Die Fahrt nach Jalta im Rahmen der längsten Trolleybusstrecke der Welt bei einer Dauer von fast rund 2 ½ Stunden kostete lediglich umgerechnet 1,20 Euro.


Das Baucamp fand in Zusammenarbeit mit dem Baulyzeum statt. Hier werden Schüler auf handwerkliche Berufe vorbereitet. Die Lehrer erarbeiten für die Schule ein neues Projekt weg vom Frontalunterricht und hin zu Praktika auf Baustellen, wobei die Schüler auch an soziales Engagement herangeführt werden. Im Wohnheim des Baulyzeums waren wir ausgezeichnet untergebracht. Lediglich die Jugendlichen aus Simferopol wohnten bei ihren Eltern. Um eine Erfahrung reicher wurden wir alle, weil das Wasser während der Nacht, wie so oft in der Ukraine üblich, bis früh 6 Uhr abgestellt wurde! Frühstück und Abendessen, die eigens für uns zubereitet wurden, erhielten wir in der schuleigenen Kantine. Das Mittagessen wurde immer im Altenheim eingenommen. Das typische Weißkraut (Kapusta) gab es dabei in allen möglichen Variationen. Für mich als gesundheitsbewusster Senior waren die Mahlzeiten oftmals sehr gewöhnungsbedürftig.


Während unseres gesamten Aufenthaltes wurden wir in anerkennender Weise quasi rund um die Uhr von Tanja, Diana und Natalia aus dem Baulyzeum in deutscher und englischer Sprache betreut. Das war schon einmalig! So besuchten wir die vielfältigen Parkanlagen sowie eine Kunstgalerie in Simferopol, waren abends auf einem Konzert sowie ein Discobesuch stand mit auf dem Plan. Der Besuch des „Heidelberg-Hauses“ durfte nicht fehlen. Diese mit deutschen Spendengeldern aufgebaute Einrichtung gibt Deutsch- und Russisch-Unterricht und kümmert sich um kriegsgeschädigte Bewohner. Sogar Karten wurden für uns besorgt, um das Europaligaspiel „Bayer Leverkusen“ gegen „Simferopol Tavrija“ besuchen zu können. Leider hatte Simferopol 3:1 verloren. Wir hatten unsere Plätze auf der Fantribüne von Bayer Leverkusen. Neben etwa 20 Personen aus Köln waren wir die einzigen Anwesenden. Trotzdem genügte dies, uns von den Fans aus Simferopol fernzuhalten. Mit der Folge, dass wir am Ende des Spiels mit Polizeieskorte zu einem eigenen Bus gebracht und nach Hause gefahren wurden. Welch hohe Aufmerksamkeit! Große Ehre wurde uns auch zuteil, weil wir bei der Eröffnung des neuen Schuljahres des Baulyzeums als besondere Gäste mit anwesend waren und ich sogar für unsere Gruppe eine kleine Rede halten durfte. Der anschließende Rundgang durch das Schulgebäude und die Klassenzimmer beeindruckte uns sehr, weil wir ganz anschaulich sahen, welch breite Palette von Berufen die Jugendlichen erlernen können.


Die spezielle Aufmerksamkeit für dieses Europäische Projekt „Jung trifft Alt: Armut und soziale Ausgrenzung“ zeigte sich daran, dass über unseren Einsatz im Alten- und Pflegeheim ein Fernsehbeitrag erstellt und abends in den Regionalnachrichten gesendet wurde. Hierdurch wurden wir in Simferopol so bekannt, das man mich auf der Straße als „TV-Star“ begrüßte. Eine wirklich nette Geste!

Am Ende unseres Freiwilligeneinsatzes wurden wir vom stellvertretenden Leiter des Baulyzeums, Nikolai Nasedkin, auf sehr herzliche Weise mit Geschenken verabschiedet. Er dankte uns für die geleistete Arbeit. Ein eigenes Diplom in Russisch über unsere Teilnahme an dem Baucamp wurde jedem zusätzlich überreicht. Das war für uns eine besondere Auszeichnung. Diese Urkunde hat jetzt in meinem Zuhause einen besonderen Platz.


Für mich waren diese 14 Tage in Simferopol auf der Krim in der Ukraine eine weitere Erfahrung in meinem Projekt „Europa braucht die Älteren“. Der Kontakt mit östlichen Nachbarn hat meinen Horizont erweitert. Allein schon die Tatsache, dass ich jetzt meine begonnenen Anstrengungen, die russische Sprache zu erlernen, fortsetzen werde, zeigt den Einfluss dieses Baucamps in Simferopol auf meine zukünftigen Aktivitäten als „Älterer Freiwilliger aktiv in Europa“. Man ist wirklich nie zu alt um etwas Neues zu lernen. Jetzt habe ich eine neue Herausforderung. Denn nächstes Jahr soll wieder ein Baucamp mit russischem Bezug in meinem Terminkalender stehen.

Wiesbaden, 9. September 2010

Dienstag, 3. Februar 2009

Baustaub und Badestrand

IBO-Mitarbeiter Michael Schnatz war in der letzten Woche auf der Krim, um neue Projekte für das Jahr 2009 zu besuchen. Im Sommer 2008 nahm eine Gruppe von Schülern und Lehrern eines Baulyceums in Simferopol an Baucamps in Deutschland teil. Daraus entstand die Idee, diese Zusammenarbeit fortzuführen und um Projekte auf der Krim zu ergänzen.

Neben Treffen mit dem Bürgermeister von Simferopol, Genadij Babenko, und dem stellvertretenden Bildungsminister der autonomen Krimrepublik, Nikolaj Veselov, wurden künftige Projekte besucht. Geplant wird ein Baucamp in der Schule Nr. 21, die sich in einem armen Stadtteil befindet. Hier soll ein schöner, neuer Spielplatz mit bunten Farben den Kleinen ein bisschen Freude bereiten und Abwechslung in den grauen Schulalltag bringen. An der Schule werden Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur zehnten Klasse unterrichtet.

Hier soll ein neuer Spielplatz entstehen


„Ein Baucamp hier bei uns?“

Das zweite Projekt ist ein Haus, in dem alte und behinderte Menschen leben – angefangen mit jungen pflegebedürftigen Menschen bis hin zu Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges. Hier soll mit Farbe und Veränderungen in den Außenanlagen eine neue Atmosphäre geschaffen werden. Die IBO-Freiwilligen können ihrer Kreativität freien Lauf lassen.

Gelände um das Alten- und Pflegeheim

Es gab auch noch Besuche in Jalta und Feodossija, wo auch Baucamps durchgeführt werden können.

Jalta: Strand, Schwarzes Meer und Berge

Die Krim bietet alles, was man für einen perfekten Baucampeinsatz braucht: soziale Projekte, die Hilfe benötigen, nette Menschen und – nicht zu vergessen – wunderschöne Badestrände, an denen man seinen Feierabend genießen kann. An den Arbeiten werden sich auch Schüler und Lehrer des Baulyceums beteiligen, sie helfen ohnehin in ihren Ferien oft mit. Gastfreundschaft wird in der Ukraine besonders groß geschrieben und so werden neben den Baucamps an den Wochenenden verschiedene Besichtigungen und Treffen mit Menschen aus der Region stattfinden.

Projektträger ist das Simferopoler Baulyceum, das die Freiwilligen im eigenen Wohnheim unterbringen wird und die Koordination vor Ort übernimmt.

Für Fragen wendet euch bitte an Michael Schnatz (schnatz[at]bauorden.de)

Donnerstag, 6. September 2007

Eindrücke aus Mykulchyn

Annes Eindrücke aus ihrer Zeit in der Ukraine:













Ein englischsprachiger Bericht über ihr Baucamp findet sich auf ihrem Blog.
Nähere Informationen zu dem Projekt, einem Waisenhaus in der Westukraine, gibt es hier.

-----Ursprüngliche Nachricht-----
Von: ernst.luedemann
Gesendet: Mittwoch, 5. September 2007 19:15
An: Bauorden
Betreff: Baulager in Dov'he und Drohobyc, Juli 2007

Lieber Herr Runck, lieber Herr Bachmann,

von einem längeren Ungarnurlaub zurückgekehrt, der sich gleich an unser Ukraineprojekt anschloss, möchte ich Ihnen ganz kurz meine Erfahrungen berichten.

Zunächst aber will ich Ihnen sehr herzlich im Namen unserer Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft für die hervorragende Partnerschaft und die großartigen Leistungen danken, die die Gruppe des Bauordens vollbracht hat! Die Einsatzfreude und den Teamgeist, die Professionalität, uneigennützige Hilfsbereitschaft und die nette Kameradschaft von allen zu erleben, war für mich etwas ganz besonderes.

Und unsere Arbeit hat auch bleibende Ergebnisse gezeitigt. In Nazaret bei Drohobyč waren neben dem Aufgebauten (das sich sehen lassen kann) der Impuls zur Selbsthilfe und die Einfügung des Projekts in die Arbeitstherapie für die Drogen- und Alkoholabhängigen besonders wertvoll. Einige von diesen, die anfangs wenig Einsatz zeigten, haben am Schluss regelrecht um die Wette mitgebaut. In den Karpaten, wo ich mithelfen konnte, sind ebenfalls diese beiden Aspekte Ausweise des Erfolges. Die tatsächlichen Bauleistungen haben für die Erholungsstätte der betreuten Kinder sehr viel gebracht, aber genauso wichtig war die Anteilnahme des Dorfes an unserem Vorhaben.

[...]

Auf das Erreichte schaue ich mit ungeteilter Freude zurück. Die Dankbarkeit unserer Partner fand u.a. ihren Ausdruck darin, dass der schon hochbetagte Diözesanbischof den beschwerlichen Aufstieg zu unserer Baustelle in Dov'he auf sich nahm - ein Fahrweg führt dort nicht hin, man muß den Fluss auf einer schwankenden Behelfsbrücke überqueren - und uns persönlich Dankesurkunden überreichte. Die Ihrigen werde ich demnächst mit Übersetzung an Sie abschicken.

[…]

Für heute herzliche Grüße

Ihr

Ernst Lüdemann


Bauordensfreiwillige zusammen mit ukrainischen Heimbewohnern in Nazaret


Der Dachstuhl in Nazaret


Das in Stand gesetzte Hauptgebäude in Dov'he



Der Bischof und Pater Ihor bei der Abschiedsfeier

Freitag, 31. August 2007

Von Plumsklos, Handsägen und dubiosen Investoren

Die Schweizer Bauordensfreiwilligen Ursina und Judith berichten von ihren Erfahrungen in der Ukraine :

Der Schweizer Bauorden organisierte in diesem Jahr gemeinsam mit dem Deutschen Bauorden ein Baulager im Westen der Ukraine. Viele Menschen sind dort sehr arm. Auf den Baustellen wurde mit einfachsten Mitteln gearbeitet. Vieles war anders, als es die Baugesellen zu Hause gewohnt sind. Aber mit den Grundeigenschaften eines Baugesellen, Improvisation und Phantasie, gelang es, mit den wenigen vorhandenen Mitteln viel zu bewirken.

Schon die Hinreise war abenteuerlich. Nach dem Flug nach Budapest fuhren die Baugesellen mit dem Nachtzug weiter nach Lviv (Lemberg). Die Wagen waren schön geschmückt mit Vorhängen, Teppichen und Plastikblumen. Kurz nachdem sich die Baugesellen Schlafen gelegt haben, wurden sie auch schon wieder unsanft von den Zöllnern geweckt. Zudem holte der Zugsbegleiter unter den unteren Betten Eisenstangen hervor. Die Fahrwerke mussten ausgewechselt werden, da in der Ukraine auf russischer Spurbreite gefahren wird. Der Schienenabstand ist in der Ukraine 7.1 Zentimeter breiter als in Mitteleuropa. Dazu wurde der ganze Zug mit Wagenhebern in die Höhe gestemmt. Nach zwei Stunden tuckerte der Zug weiter in Richtung Lemberg. In Lemberg wurden die Baugesellen abgeholt. Auf der neuen Autobahn ging es weiter Richtung Drohobytch. Die Autobahn war so neu, dass die Sicherheitslinien noch nicht gemalt waren. Irgendwann wird dies wahrscheinlich nachgeholt. In Drohobytch wurde die Gruppe in zwei Bauteams aufgeteilt. Einige blieben in der Stadt und renovierten dort eine ehemalige Militärkaserne, in der nun Alkoholsüchtige ein neues Zuhause gefunden haben. Der andere Teil der Gruppe fuhr auf holperigen Strassen weiter in die Karpaten, in ein kleines Dorf namens Dovhe.

Baueinsatz in Dovhe-Hirs’ke (Bauteam 1)

Plumsklo und Computerzimmer

Dovhe sollte in den siebziger Jahren geflutet werden. Die Sowjets planten eine Staumauer, die die Wasserversorgung der grösseren Städte der Region sicherstellen sollte. Nach elf Jahren Planungs- und Bauzeit wurde das Projekt wegen geologischen Unsicherheiten eingestellt. Der bereits gebaute Teil der Staumauer steht heute noch. Dieses Projekt hatte die Entwicklung des Dorfes stark beeinflusst. Viele zogen weg. Das Dorf ist sehr einfach geblieben. Die meisten Bauern besitzen zwei oder drei Kühe und einige Ziegen. Pferde sind das wichtigste Transportmittel. Fliessend Wasser gibt es in Dovhe nicht. Die meisten Leute haben einen Ziehbrunnen im Garten und ein Plumsklo. In einem grossen Garten wächst viel Gemüse – der Wintervorrat, denn fast alle Bewohner sind Selbstversorger. Im Winter ist die Strasse zum Dorf oft mehrere Monate lang unpassierbar. Es bestehen Pläne eine neue Strasse zu bauen.

Die Baugesellen wohnten im Schulhaus – eines der wenigen Schulhäuser der Ukraine ohne fliessendes Wasser. Aber gleich neben dem Schulhaus fliesst der Stryj, der den Baugesellen als Waschstelle diente. Trotz einfachster Lebensweise hat die Technik in Dovhe Einzug gehalten: Im Schulhaus ist ein gut ausgerüstetes Computerzimmer eingerichtet und viele Leute besassen ein Handy der neusten Generation.

Viel Handarbeit

Eine baufällige Hängebrücke führte auf die andere Seite des Flusses, wo die Baustelle war. Im ehemaligen Pfarrhaus sollen Kinder aus sozial benachteiligten Familien ihre Ferien verbringen können. Viele Eltern dieser Kinder sind alkoholabhängig. An die Diktatur der Sowjetzeit erinnerte noch ein unterirdischer Fluchgang. Der Pfarrer baute diesen einst aus Angst vor dem Geheimdienst. In der Sowjetunion wurde die Religion unterdrückt. Kirchen wurden zerstört oder zum Beispiel als Möbelmärkte oder Hallenbäder umgenutzt.

Die Baugesellen bauten eine neue Aussenfassade aus Holz. Ein anderer Teil der Gruppe gab dem Blechdach einen frischen Anstrich. Zuerst wurde es mit Drahtbürsten geschliffen, dann grundiert und mit Pinseln grün angestrichen. Ein weiterer Teil der Gruppe entfernte das Unkraut bei der Feuerstelle und ebnete das Grundstück für einen Unterstand. Beim Graben entdeckten die Baugesellen allerlei Interessantes, wie eine Kuhtränke, Schuhe oder Blechdosen. Da Dovhe keine öffentliche Abfallentsorgung hat, verbrennen die meisten Leute ihren Abfall selbst oder werfen ihn irgendwohin weg. Der nicht verbrennbare Abfall bleibt liegen. Die Baugesellen sammelten den Abfall ein, vergruben oder verbrannten ihn.

Dubiose Investoren?

Anfänglich waren die Leute im Dorf den Baugesellen gegenüber skeptisch. Sie konnten nicht glauben, dass Leute ohne Bezahlung in ihren Ferien arbeiten gehen. Deshalb gab es im Dorf Gerüchte, dass die Baugesellen Investoren seien und dubiose Geschäfte abwickeln wollen. Mit der Zeit wandelte sich die Skepsis in grosse Herzlichkeit und die Baugesellen wurden immer wieder auf ein Gläschen Selbstgebranntes eingeladen. An einem Abend nahm sogar der Bischof den beschwerlichen Weg nach Dovhe auf sich, um den Baugesellen für ihre getane Arbeit zu danken.

Am Wochenende machten die Baugesellen einen Ausflug nach Drohobytch, wo der andere Teil der Gruppe arbeitet. Da gab es viel zu erzählen und auszutauschen.



Baueinsatz in Drohobych (Bauteam 2)

Neuer Verputz und neues Plumsklo

Die Aufgabe der Gruppe, die in der Stadt blieb, war es, in „Nazaret“, einem ehemaligen Militärstützpunkt für Mittelstreckenraketen, nun ein Rehabilitationszentrum für Alkoholkranke, ein Wohnhaus so umzubauen, dass die Bewohner dort eine menschenwürdigere Unterkunft erhalten würden. Die Baugesellen arbeiteten zusammen mit den zukünftigen Bewohnern des Zentrums. Die Bewohner waren schon seit Jahren daran mit viel Handarbeit und wenig Geld die baufällige Kaserne zu renovieren.

Im Haus mussten neue Fenster eingesetzt werden. Doch auch das Innere des Hauses war baufällig. Die Baugesellen fanden Wände mit halb abgebröckeltem altem Putz und noch rohe Böden vor. Als erstes mussten die Baugesellen aus ein paar Latten und Nägeln Leitern zimmern und Material bestellen. Es kam dann einiges an Material, aber leider nicht alles gewünschte. Aber es war auch alles anders als zu Hause! Die vorhandenen Schreinbiere, d.h. Schuppen mit einer Tischfräse und ein Fuchsschwanz als Handsäge mussten reichen. Auch wenn der Zimmermann von einem Winkelschnitt träumte...

Die ersten zwei Tage bestanden darin, alles was nicht mehr hielt mit Hämmern abzuklopfen und so für einen neuen Verputz vorzubereiten. Gleichzeitig ging der Zimmermann der Gruppe mit einigen Helfern daran, ein WC-Häuschen zu entwerfen und zu bauen. Das betonierte WC Fundament und das gestartete Loch für ein Pumpsklo verleitete die Anwesenden zu höher stehenden Wünschen. So wurde entschieden, einen Kanal zu graben, ein Rohr zu legen und im WC ein Fundament mit Senkung auszubetonieren.

Mitte der Woche trafen dann drei ukrainische Fachleute dazu. Der Bauleiter, Maurer von Beruf, instruierte die Baugesellen, wie man nach der alten Methode neue Putzwände aufzieht. Dies zur Freude des Azubis, der im dritten Jahr der Maler Lehre ist. Er konnte von diesen Fachkenntnissen profitieren und gleich üben bis es gelang. Das war nicht so einfach, aber nach einigen Kellenwürfen fiel wenigsten nicht mehr die Hälfte des Zements von der Wand. Die Ukrainer verrieten auch andere Tricks und so war das Schlussresultat ganz ansehnlich.

Die Bewohner von „Nazaret“ helfen immer tatkräftiger mit.

Nach der ersten Woche kam der Projektleiter vor Ort mit der Neuigkeit an, dass noch eine Aufstockung und ein neues Dach vorgesehen seien. Nun lernten die Baugesellen noch Mauern und hievten vier Paletten Zielgesteine auf’s Dach hoch. Das ging am einfachsten mit einer „Italiener-Kette“. Alle standen in einer Reihe und reichten die Steine weiter. So haben die zukünftigen Bewohner des Hauses gesehen wie schnell man ist, wenn alle Hände zupacken. Als die Verantwortlichen merkten, dass wir es ernst meinten, gaben alle Gas um das Projekt fertig zu stellen. Schlussendlich konnten die Baugesellen zusammen mit den Ukrainern den Dachstuhl aufrichten.

Sowieso merkten die Baugesellen nach einigen Tagen, wie die zukünftigen Bewohner des Hauses immer motivierter wurden und anpackten. Am Ende der Bauzeit schufteten sie von Morgens bis Abends und die Baugesellen mussten sich die Arbeit fast suchen. Es bleibt zu hoffen, dass die Nazareter Mannschaft, die Motivation gefunden hat, das Angefangene fertig zu machen. Die Freude über das Gelungene hat die Baugesellen alle Unannehmlichkeiten vergessen lassen. Und die unbeschreiblich guten Suppen, die es jeweils zum Mittagessen gab, sind jetzt noch ein grosses Rätsel: Wie kann man aus den gleichen Zutaten jeden Tag etwas neues, spannendes und unbeschreiblich Gutes zubereiten? Die Baugesellen wurden wirklich verwöhnt, von den Bewohnern, die nicht viel ihr Eigen nennen. Die Baugesellen dankten es, indem sie ihre sauberen Kleider, Hütli und Sackmesser an die neu gewonnenen Freunde weitergaben.